Hier findet Ihr einen Erfahrungsbericht zum FSJ

 

Erfahrungsbericht FSJ von 2013

 

  1. Warum ein FSJ: Nach der Schule und vor dem Nichts

Als ich das Wirtschaftsgymnasium mit dem Abitur abgeschlossen hatte, war da plötzlich ein großes Loch ohne gewohnten Tagesablauf, das dringend gefüllt werden musste. Nach 13 Jahren Schule hatte ich nicht unbedingt sofort Lust auf ein Studium oder eine Ausbildung. Ich wollte erst einmal ein Break - und ein FSJ erschien mir da genau richtig: man hat eine sinnvolle und sozialpolitisch bedeutende Beschäftigung, die etwas mit einem macht, etwas in einem anregt, und man hängt nicht den ganzen Tag einfach nur planlos herum.

 

  1. Zeitungslesen hilft (manchmal) weiter:

Beim täglichen Durchblättern und Lesen der BZ ist mir die Anzeige der Werksiedlung St. Christoph ins Auge gefallen, in der Ausbildungsplätze und freie FSJ Stellen offeriert wurden. Da es bis zum "Tag der offenen Tür" im Werkzentrum in Müllheim nicht mehr lange war, beschloss ich, dort hinzugehen, um ein erstes Bild von der Arbeit der Werksiedlung zu bekommen.

 

  1. Der erste Kontakt:

Den ersten Kontakt habe ich mit der Wohnheimleiterin, Claudia Frank-Metz, per E-mail aufgenommen. Da wir uns am Tag der offenen Tür nicht gesehen/gefunden haben, hatten wir einen Termin für ein Vorstellungsgespräch im Wohnheim in Niederweiler abgemacht.

 

4. Der erste Besuch im Wohnheim:

Zum ersten Mal im Wohnheim war ich, als ich mich mit Claudia Frank Metz zum Vorstellungsgespräch traf. Ich war total aufgeregt und habe mir schon vorher sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie die Menschen wohl sind, die dort arbeiten,  und vor allem wie die Menschen mit Behinderungen wohl auf mich wirken. Ich hatte schon große Schwellenängste. Alles in allem war es überhaupt gar nicht schlimm. Claudia hat kurz mit mir über mich gesprochen und über das, was ich bisher gemacht hatte, und dann sind wir durch das Wohnheim und den Förder- und Betreuungsbereich (FuB) gegangen, und sie hat mir einige Dinge erklärt (auch zur Geschichte des Wohnheims/Gründung usw.). Und am Ende haben wir einen Termin für ein Hospitationswochenende abgemacht. Dadurch konnte ich mir schon ein kleines Bild darüber machen, wo ich bei der Hospitation sein würde.

 

5. Hospitation:

Ich habe an einem Wochenende (Samstag/ Sonntag) auf einer Pflegegruppe mit z.T. schwerst mehrfach behinderten BewohnerInnen hospitiert. Als erstes muss ich zugeben, dass ich vor Samstag doch ziemlich aufgeregt war. Ich habe mir ziemlich viele Gedanken darüber gemacht, wie ich mich gegenüber Menschen mit Handicap am besten verhalte und wie die Leute wohl auf mich selbst reagieren würden. Als ich dann am Samstag in der Früh in Niederweiler vor dem Tor des Wohnheims stand, kamen gemeinsam mit mir zwei Seminaristen (Auszubildende) an, welche gleich total nett waren und mich mit hoch auf die Gruppe nahmen. Oben auf der „Mitte“ angekommen, lernte ich auch gleich alle KollegInnen kennen, die an diesem Tag im Dienst waren. Wir saßen zu Beginn zusammen und haben den Tag durchgesprochen, bevor wir angefangen haben,  die BewohnerInnen zu wecken. Ich durfte dann bei der Pflege der verschiedenen Menschen zuschauen, und mir wurden sehr viele interessante und für mich neue Dinge erklärt. Am Anfang fühlte ich mich sehr  unsicher, was sich aber ziemlich schnell legte, da alle sehr, sehr nett zu mir waren.

 

Am Vormittag machten wir noch einen kleinen Spaziergang mit einigen BewohnerInnen, und am Nachmittag durfte ich Lars Wesener (den Gruppenleiter) und einen Teil der Wohngruppe dann zum therapeutischen Reiten begleiten. Nach diesem Tag war mein Kopf voll mit vielen schönen Eindrücken und sehr vielen Informationen.

 

Am Sonntag fiel es mir etwas leichter anzukommen, da ich die Menschen schon ein wenig besser kannte und auch einiges über ihr Umfeld erfahren hatte. Auch am Sonntag haben wir nach dem Frühstück etwas unternommen. Wir sind an den Rhein gefahren, um spazieren zu gehen. Als am Sonntagabend der Dienst dann vorbei war, haben Lars und ich uns noch einmal zusammen gesetzt und über das Wochenende gesprochen, und auch darüber wie es nun weitergehen könnte und ob ich es mir vorstellen könnte, das FSJ hier zu machen.

 

6. Warten auf Feedback:

Nach dem Hospitieren war dann erst einmal Warten angesagt. Das Warten auf eine mögliche Zu- oder Absage war furchtbar, ich habe ständig meine E-Mails gecheckt, da ich im Voraus mit Frau Frank-Metz abgemacht hatte, dass ich ihr einen Bericht von meinem Hospitationswochenende schicke. Das habe ich schnellstmöglich getan, und die Antwort darauf war dann auch meine Zusage, dass ich das FSJ im September 2012 in der Werksiedlung starten darf.

 

7. Der holperige Start, ich begreife was ich alles noch nicht kann:

Zu Beginn meines FSJ war es schlimm für mich zu spüren, was ich alles noch nicht konnte. Den Menschen mit Behinderung in verschiedenen Situationen zu begegnen oder je nach Stimmungslage auch aus dem Weg zu gehen, Verantwortung abzugeben bzw. überhaupt keine Verantwortung für etwas/jemanden tragen zu müssen und darauf zu achten, dass es mir selbst gut gehen muss und ich mich wohlfühlen muss...

 

Und natürlich, dass es den anderen (besonders den Menschen mit Behinderung) gut geht, zuhören und darauf zu achten, was jemand nicht ausspricht und warum er es nicht ausspricht, das waren nur wenige der großen Herausforderungen denen ich mich stellen musste und wollte.

 

8. EOS – Seminare:

Die regelmäßig stattfindenden EOS–Seminare haben mir im Laufe der Zeit immer mehr Spaß gemacht, das mag aber auch daran gelegen haben, dass wir eine super coole Gruppe gewesen sind, in der sich alle wohlgefühlt haben. Wir hatten jeden Tag super viel Action, waren draußen bei Wind und Wetter, hatten verschiedene Aufgaben, die wir als Gruppe bewältigen mussten und auch interessante Fragerunden zu den verschiedensten Themen, die für die Arbeit mit den behinderten Menschen, aber auch für uns selbst und unser Leben wichtig sind. Dass das alles junge Menschen sind, die sich in derselben Lebensphase wie ich selbst befinden und oft auch dieselben Ängste hatten wie ich, war mir zu Anfang nicht bewusst. Es war sehr hilfreich, mit diesen Menschen Zeit zu verbringen, Spaß zu haben, ihnen auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu begegnen und mich mit ihnen zu unterhalten und zu reflektieren.

 

9. Gedichte und Stierkampf:

Ich habe mein FSJ im ABW (Ambulant Betreutes Wohnen) verbracht. Hier war ich tagtäglich mit Lars in den umliegenden WG´s der Werksiedlung unterwegs. Bei dieser Arbeit war es sehr, sehr wichtig zu reflektieren und nicht zu verzweifeln, wenn jemand z.B. mal nicht aufstehen will. Um dieser Frustration – des Nicht-Beachtet-Werdens, wenn man morgens zum Wecken in das Zimmer kommt - zu entgehen, hatte Lars die Idee, ich solle ein Gedicht auswendig lernen und,  wenn ich morgens in das Zimmer des Betreuten komme, dann solle ich dieses Gedicht aufsagen (anstelle von: Guten Morgen, Steh bitte auf.). Gesagt, Getan – obwohl mich das auch sehr viel Überwindung gekostet hat - doch siehe da, es hat funktioniert.

 

Das Gedicht hat mir in vielen Situationen geholfen, nicht frustriert zu sein. Wichtig war auch zu begreifen, dass man sich den Menschen mit Behinderung nicht immer in den Weg stellen sollte, sonder öfter einfach ausweicht. Vor allem, wenn man sich selbst in Gefahr bringt, wenn man sich dem anderen in den Weg stellt. Wie ein Torero sollte ich einem wütend anstürzenden Menschen einfach aus dem Weg gehen und auch den direkten Blickkontakt vermeiden. Auch dieses Bild und dieser Tip waren sehr hilfreich für meine Arbeit (und auch für mein Privatleben...).

 

10. ICH; Was ich wirklich für mich will:

Durch die täglichen Gespräche, die Lars mit mir geführt hat, und mit fortschreitender Zeit wurde es wichtig, was ich eigentlich für mich selbst will. Die Fragen, die Lars mir immer wieder gestellt hat und die ständige Reflexion haben mir sehr geholfen, mittelfristig herauszufinden was ich selbst möchte - und vor allem was ich nicht möchte.

 

11. Am meisten gefallen hat mir am FSJ:

Am besten gefallen hat mir, dass mein FSJ im ABW sehr abwechslungsreich war. Die Tage waren nie zu 100% planbar, je nach Laune und individueller Bedürfnisse der BewohnerInnen mussten wir unser Zeitfenster kurzfristig enger schnallen oder erweitern. Von Zeit zu Zeit konnte ich mich selbstständig um die WG im Rathaus und einige andere Bewohner des ABW kümmern, was nur durch das große Vertrauen, das Lars mir entgegenbrachte, und konsequente Teamarbeit möglich war.

 

12. Nicht gut gefallen hat mir

Naja, eigentlich gab es nicht wirklich etwas, was mir nicht gut gefallen hat. Bei Lars und in der Werksiedlung war ich sehr gut aufgehoben und habe mich immer sicher gefühlt. Wenn es Probleme jeglicher Art gab, dann hatte Lars immer ein offenes Ohr und auch ziemlich schnell eine gute Lösung parat, um das Problem beiseite zu schaffen.

 

13. Schon vorbei? Ein Jahr geht fast zu schnell vorüber:

Schwupsdiwups war das Jahr vorbei und somit mein FSJ zu Ende. Zu Beginn des FSJ konnte ich es nicht fassen, dass ein Jahr so schnell vorbei sein könnte - ein Jahr kam mir wie eine Ewigkeit vor. Dass die Zeit  so schnell vorüber ging lag daran, dass ich die ganze Zeit über – auch wenn es einige nicht ganz einfache Momente gab – sehr viel Spaß hatte. Und ich denke der Spaß spielt beim FSJ eine ganz große Rolle, denn ein FSJ ist eine gute Möglichkeit herauszufinden, wer man ist und was man wirklich möchte. Und wie kann es besser sein, wenn das alles auch noch super viel Spaß macht?

 

14. Nach dem FSJ ist vor dem Studium, bin ich erwachsen(er) geworden?

Ich würde nicht sagen dass ich erwachsener geworden bin, oder mich verändert habe. Ich bin ich selbst, schon immer, nur kommt es auf das Umfeld an, in dem man sich erlebt. Ich würde sagen, dass ich  durch das FSJ die Möglichkeit hatte, mich in verschiedenen Settings auszuprobieren, zu spüren und wahrzunehmen. Vor allem war es sehr interessant und wichtig für mich, welchen Eindruck die Menschen in meinem neuen Umfeld von mir haben, die nur MICH wahrnehmen und mich nicht unter einer  Überschrift wie z.B. „Papas Tochter“, „Omas Enkelin“ oder "Schülerin der Klasse..."verorten.

 

Das FSJ hat sich gelohnt, und ist ein großartiger Übergang zwischen verschiedenen Lebensumständen.